Die ganze Fülle von Social Media, höchste Mobile-Devices-Dichte, #start11 in aller tweets und folgende Geschichte rund um den Kongress: wir befinden uns im Jahr 2020 und schauen zurück auf die Entwicklungen der vergangen zehn Social-Media-Jahre. Dies war der Kosmos der stART-Conference am 17. und 18. November in Duisburg, die die sich mit Vorträgen und Diskussion dem Thema Transmedia Storytelling von Kulturbetrieben näherte.
von Katharina Ess [ PODIUM ]
Das PODIUM Festival hatte dort die Möglichkeit in einer einstündigen Präsentation sich und seinen Online-Kosmos vorzustellen und in Vorträgen zu erfahren, wie Geschichten über die verschiedensten Medien erzählt werden können. Das Fazit der beiden Tage lautete: „Transmedia Storytelling ist kein Marketinginstrument sondern eine Kunstform“. Zwei Tage voller Inspiration, Ausblicke auf ungeahnte Möglichkeiten und der Hinweis auf ein Zitat des Medien-Experten Jeff Jarvis: Vergleichen wir das Web mit dem Buchdruck, so befände sich der Stand des Verständnisses für seine Möglichkeiten ca. im Jahre 1460, also kurz nach der Erfindung der Buchdruckpresse.
Unzweifelhaft bot die Haniel-Akademie und der auf der anderen Straßenseite liegende Dom im Duisburger Ruhrort eine kontrastreiche Kulisse, wo sich schnell eine ganz eigene StART-Atmosphäre einstellte, in der man leicht ins Gespräch kam und die gleichzeitig die Möglichkeit zur Inspiration, Information und Interaktion bot. Waren es am ersten Vormittag noch Menschen, die man nur von deren Profilbild auf verschiedenen Plattformen kannte, so verließ man die Konferenz am Freitagabend als Mitglied einer eingefleischten StART-Gemeinde. Es schien, als fiele es mit Social Media sozialisierten Menschen leichter die im Web gelebte Offenheit im face-to-face gleich dem facebook-to-facebook-Kennenlernen an den Tag zu legen.
Doch so offen der Umgang untereinander auch war, so fiel auch das durch mobile Geräte erforderliche Multitasking und die stets zwischen offline und online geteilte Aufmerksamkeit ins Auge. Zweck all der Social-Media-Bemühung einer Kulturinstitution ist durch Storytelling Aufmerksamkeit für seine Projekte zu generieren. Doch wie viel Aufmerksamkeit sind wir als hochvernetzte Individuen, jegliche gewünschte Information oder Unterhaltung nur eine Displayberührung entfernt, noch in der Lage einer Sache zu schenken? Während der Vorträge wird getwittert, auf den Bildschirm des Nachbarn geschielt oder die Projektion auf der Leinwand abfotografiert. Wie viel Aufmerksamkeit können wir in Zeiten des Mobile Webs überhaupt noch einem einzelnen Menschen, der seine Geschichte erzählt, entgegenbringen?
Dass diese neue Mentalität – die Erweiterung der Wirklichkeit durch die unendlichen Weiten eines immer zugänglichen Internets – bei jungen Menschen auf sehr viel Skepsis stößt, erfuhr ich einen Tag später, als ich das PODIUM Festival in Weikersheim, dem Zentrum der Jeunnesses Musicales Deutschland, beim Plenum der Initiative mu:v (Musik verbindet) präsentiere. Zwanzig Leute, zwischen 16 und 25, musikinteressiert und eigeninitiativ, u.a. Musikwissenschafts-, Publizistik-, Wirtschaftswissenschaftsstudenten und Schüler. Nach zwei Tagen StART-Conference erwartete ich Menschen zu treffen, die dem Bild des hochvernetzten Online-Prosumenten, den wir in den Vorträgen und Gesprächen auf der Konferenz skizziert hatten, zumindest annähernd entspricht. Doch ich traf auf junge Menschen, die Social Media sehr skeptisch gegenüber standen, für die Twitter kein Thema war und die mit den QR-Codes in unseren Programmheften nichts anfangen können, außer sie als Störung der ästhetischen Aufmachung der Seite empfanden. Facebook wird gelegentlich genutzt, aber einen höheren Stellenwert will man den Möglichkeiten von Social Media auch nicht einräumen. Werte, wie persönliche analoge Kommunikation oder Zeit und Aufmerksamkeit voll und ganz einer Person oder einer Sache zu widmen, scheinen viel wichtiger zu sein, als immer und überall via Internet Zugang zu einer Welt ohne Grenzen zu haben.
Muss das Social Web, über das wir kulturelle Inhalte vermitteln wollen, selber noch vermittelt werden? Sind all die Kanäle, über die Kulturinstitutionen versuchen ihre Geschichten zu verbreiten oft noch nicht im Alltag auch junger Menschen angekommen und: Ist es nur eine Frage der Zeit bis sich die Technik und die dazugehörige Always-Online-Mentalität durchsetzen? Kann man es sich in Zukunft als Individuum überhaupt noch leisten, Social-Media-Verweigerer zu sein ohne soziale Nachteile einstecken zu müssen?
„Wir beeilen uns nicht. – Wir simsen. Wir denken nicht. – Wir googeln. Wir sagen nicht unsere Meinung. – Wir posten sie.“ Die Welt, die in der Fonic-Werbung skizziert wird, ist nicht für alle jungen Menschen erstrebenswert. Befinden wir uns einfach noch im metaphorischen Jahre 1460 oder tut sich da auch langfristig eine Kluft zwischen hochvernetzten Social-Media-Usern und pragmatischen, rechnergebundenen Internetnutzern auf?
Video der Präsentation des PODIUM bei der stART-Conference von Katharina Ess
Das junge europäische Musikfestival wurde 2009 gegründet und bringt junge, herausragende Nachwuchskünstler aus ganz Europa nach Esslingen, um klassische Musik im neuen Gewand zu präsentieren. Auf dieser Seite erfahren Sie alle Neuigkeiten zum Festival. Weitere Informationen finden Sie unter PODIUM.Website.